Rückbesinnung auf die Mitte des Christentums
Die Theologie der Zukunft versteht sich als christliche Antwort auf die Fragen der Zeit. Sie geht aus von der Rückbesinnung auf die Mitte des Christentums. Diese Mitte definiert sie durch zwei aufs engste miteinander zusammenhängende Faktoren: in der von Jesus entdeckten Eindeutigkeit des bedingungslos liebenden Gottes und in der Auferstehung Jesu.
Diese Mitte ist nicht starr, sondern lebendig bewegt. Sie sucht den Menschen für sich zu gewinnen und möchte zu seiner Lebensmitte werden. Die Theologie der Zukunft begreift das Wesen des Christentums somit als eine "Christologie von innen". Dabei gilt es auch, die Liebenswürdigkeit des Christentums wiederzuentdecken, die es nach Kant vor allen anderen Religionen auszeichnet.
Eine therapeutische und mystische Religion
Durch den Bezug auf die Mitte wird deutlich, dass das Christentum, anders als das Judentum, von seinem Ursprung her keine moralische, sondern eine therapeutische, auf die Heilung des todverfallenen und angstgepeinigten Menschen ausgehende und insbesondere eine mystische Religion ist, die aus der Einwohnung ihres Stifters in den Herzen der Seinen lebt.
Das Zentrum der christlichen Botschaft besteht für die Theologie der Zukunft in dem von Jesus entdeckten und verkündeten Gott der bedingungs- und vorbehaltlosen Liebe. Sie lehnt die Vorstellung von einem ambivalenten, zwischen Güte und Zorn oszillierenden Gott als eine der menschlichen Geschichts- und Selbsterfahrung entstammende Projektion ab. Jesus hat den aus Angst und Hoffnung gewobenen Schleier vom Gottesbild der Menschheit entfernt. Indem er seinen Gott mit der ehrfürchtig-zärtlichen Anrede "Abba - Vater" anrief, durchstieß er die Mauer der Unnahbarkeit Gottes, überbrückte den Abgrund der Gottesferne, erschloss den Zugang zum Herzen Gottes und begründete die Gotteskindschaft der Menschen. Wenn die Liebe dessen, der uns (nach Röm. 8, 32) mit seinem Sohn alles geschenkt, hat, an die Herzen rührt, muss die dort herrschende Angst weichen und der Gewissheit Raum geben, dass keine Macht der Welt die Zuwendung dieser Liebe aufhalten und uns von ihr trennen kann.
"Zur Freiheit hat uns Gott befreit"
Die Theologie der Zukunft entlarvt jede Form sozialer, geistiger und moralischer Repression als unchristlich, gestützt auf das große Paulus-Wort: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Gal. 5, 1). Sie befreit insbesondere von dem nach Nietzsche auf allem lastenden "Geist der Schwere", der alles in die Gleise von "Satzung, Not und Folge" zu zwingen sucht. Da wahre Freiheit nicht so sehr die der zerbrochenen Fesseln als vielmehr die zu höherer Selbstaneignung ist, wird sie vorzugsweise zum Urakt aller Kultur bewegen und anleiten müssen. Der aber besteht in der unabdingbaren Aufgabe des Menschen, aus dem Rohstoff seiner Person das Kunstwerk der Persönlichkeit zu schaffen.
Die Theologie der Zukunft sucht nach Mitteln und Wegen, die immerwährende Sinnfrage des Menschen zu beantworten. Sie ist davon überzeugt, dass die Frage nach seinem Lebenssinn das Gottesbewusstsein des Menschen erweckt und hält es deshalb für ein dringendes Gebot der Stunde, dass der Zusammenhang zwischen Gottesglaube und menschlicher Sinnfrage neu entdeckt und neu auf den Begriff gebracht wird.
