- Dialogische Grundlagen der Projekte
- Dialog mit dem Judentum
- Dialog mit dem Islam
Überlegungen zu einem Dialog mit dem Islam
Von Professor Dr. Richard Heinzmann
Es ist die Absicht der Eugen-Biser-Stiftung, zur Verständigung zwischen Christentum und Islam beizutragen. Das soll auf wissenschaftlicher Ebene geschehen. Im Gespräch unter Experten sollen zunächst die religiösen und theologischen Grundpositionen erarbeitet und geklärt werden, die als tragfähiges Fundament für ein friedliches Miteinander von Christen und Muslimen dienen können und dadurch geeignet sind, die nicht geringen und ständig wachsenden gesellschaftlichen Probleme einer positiven Lösung zuzuführen.
Von dieser Basis aus kann dann der Dialog auf andere Problemfelder ausgeweitet werden. Das alle Überlegungen leitende Kriterium ist der in unserer Verfassung verankerte Grundwert der Menschenwürde.
I. Notwendigkeit des Dialogs
Es steht außer Frage, dass zum Zusammenwachsen Europas und zum friedlichen Zusammenleben der Menschen in demokratischen Strukturen viele Faktoren beitragen. Trotz der zunehmenden Säkularisierung spielt dabei jedoch das Verhältnis der verschiedenen Religionsgemeinschaften und der unterschiedlichen Weltanschauungen zueinander eine kaum zu überschätzende Rolle. In unserer konkreten Situation kommt in dieser Hinsicht dem Islam besondere Bedeutung zu. Von seinem Selbstverständnis und von seiner Haltung zu nichtislamischen Religionen und nichtislamischen staatlichen Gemeinschaften werden die innerpolitischen Entwicklungen der näheren Zukunft in Deutschland und in Europa entscheidend geprägt werden.
Damit sind Probleme angesprochen, deren Klärung eine unabdingbare Voraussetzung ist für das Zusammenleben von Muslimen und Christen und damit die Integration islamischer Mitbürger in die Wertegemeinschaft Europas (vor allem die Anerkennung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland). Es genügt nicht, an der Oberfläche Vorurteile und latente Ängste abzubauen, damit so gegenseitiges Vertrauen wachsen kann. Es müssen vielmehr die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass sich Toleranz auf Toleranz verlassen kann, ohne Gefahr zu laufen, in den Hinterhalt der Intoleranz zu geraten.
Die implizierten religiös-theologischen Probleme liegen allen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bemühungen voraus. Sie sind im strengen Sinne des Wortes "vorentscheidend". Diese Probleme haben ihre Wurzeln in den geistig-kulturellen und religiösen Vorgaben und müssen deshalb auf der wissenschaftlichen Ebene des philosophisch-theologischen Gesprächs angegangen werden, eine Aufgabe, die sich über viele Jahre erstrecken wird.
Das Gelingen aller anderen Bemühungen hängt letztlich davon ab, dass diese vorgegebenen Grundpositionen geklärt werden, und dass dieser Dialog auf der Ebene der wissenschaftlichen Auseinandersetzung Erfolg hat.
II. Themen des Dialogs
Die das Ganze leitende Überlegung bringt es mit sich, dass nicht primär ein theoretisches, innertheologisches Gespräch über das Verhältnis von Islam und Christentum im Allgemeinen geführt werden soll. Die Auswahl der Problemfelder, über die zu handeln sein wird, entspringt nicht einer theologischen Systematik; sie ergibt sich vielmehr mit innerer Folgerichtigkeit aus der letztlich gesellschaftlich ausgerichteten Zielsetzung.
- An erster Stelle steht deshalb die Frage nach dem Menschen. Ihre Beantwortung ist die Grundlage für alle anderen menschlichen und gesellschaftlichen Bereiche. Ist der Mensch ein Exemplar der Art Mensch und damit soweit dem Allgemeinen untergeordnet, dass ihm die Gesellschaft das Existenzrecht absprechen kann? Oder muss man ihn als Person verstehen, was bedeutet, dass der Mensch in seiner singulären Würde unantastbar ist und auf Grund seiner Gewissensfreiheit als moralisches Subjekt anerkannt werden muss? Von der Entscheidung darüber ist auch die Stellung des Einzelnen innerhalb einer Religionsgemeinschaft unmittelbar betroffen. Glauben muss dann als Akt personaler Freiheit verstanden und darf deshalb nie erzwungen werden.
Es liegt auf der Hand, welche Konsequenzen sich aus dem unterschiedlichen Verständnis des Menschen für Gesellschaft, Staat und Politik ergeben. Insbesondere die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für Demokratie, nach der Religionsfreiheit und den Menschenrechten stellt sich in diesem Zusammenhang ebenso dringlich wie unausweichlich. - Diese Überlegungen führen unmittelbar weiter zu der Frage nach Gott, denn das Verständnis des Menschen als Person oder Exemplar ist unablösbar von dem jeweils vorausgesetzten Gottesverständnis. Spätestens in diesem Zusammenhang wird über die Differenzen zwischen Christentum und Islam im Hinblick auf deren jeweiliges Verständnis der Offenbarung und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zu sprechen sein. Der Schriftfundamentalismus steht dabei ebenso zur Diskussion wie die Frage nach der geschichtlichen Bedingtheit der Heiligen Schriften und der Tradition einer Religionsgemeinschaft. Vor allem Fragen der Hermeneutik müssen hier diskutiert werden.
Zu diesem Problemfeld müssen und können von christlicher Seite die Erfahrungen der Aufklärung in das Gespräch eingebracht werden. Denn nur durch diesen Prozess der rationalen Reflexion auf die eigenen Prinzipien und durch den traditionskritischen Blick auf den Gang der Geschichte des Christentums war es möglich, die schwerwiegenden Fehlentwicklungen der christlichen Kirchen, von denen in hohem Maße auch die islamische Welt betroffen war – man denke etwa an die Kreuzzüge -, zu überwinden und zu der christlichen Grundforderung des Friedens, der Nächstenliebe und der Gewaltlosigkeit zurückzufinden. - Von einem positiven Ergebnis dieses Dialogs hängt alles ab. Wenn nicht das Ganze – auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht – scheitern soll, muss wenigstens in einem Punkt aus der Mitte des jeweiligen theologischen Selbstverständnisses heraus ein Einvernehmen ohne jeden Vorbehalt erzielt werden:
Die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen, gleich welcher Nationalität oder Religionszugehörigkeit, muss akzeptiert und garantiert werden.
Die Religionsgemeinschaften müssen, auch was ihre eigenen Mitglieder angeht, dafür ebenso einstehen wie die Verfassungen der einzelnen Staaten. Das sind die Bedingungen der Möglichkeit eines menschenwürdigen Zusammenlebens der Völker.an muss mit großer Nüchternheit der Tatsache ins Auge sehen, dass alle anderen Versuche und Anstrengungen, sollte diese Gemeinsamkeit an der Basis der kulturell-religiösen Voraussetzungen nicht erreicht werden, zum Scheitern verurteilt sind.
III. Politisch – gesellschaftliche Perspektive
- Mit diesem hier in der gebotenen Kürze vorgestellten Projekt sollen andere, bereits begonnene Bemühungen um einen christlich–islamischen Dialog keineswegs gering geachtet oder gar überflüssig gemacht werden. Jeder Anstrengung in dieser Hinsicht kann man nur Erfolg wünschen. Das Projekt der Eugen-Biser-Stiftung versteht sich nicht als Konkurrenz, sondern, durch die besondere Akzentsetzung, als Ergänzung. Es sind vor allem zwei Problemfelder, die Gegenstand des Projekts sein und dadurch ins Bewusstsein gehoben werden sollen.
Mit der Fokussierung auf den Menschen als Person soll, unter Zurückstellung anderer theologischer Fragen, das allein tragende Fundament einer Integration muslimischer Mitbürger im Zentrum stehen. Zum anderen geht es um die Konsequenzen der zu erzielenden Ergebnisse für Politik und Gesellschaft. Damit kommt neben dem wissenschaftlichen Charakter die Verantwortung für die Welt als das andere Spezifikum der Eugen-Biser-Stiftung zum Tragen. - Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich der Grundpositionen laufen ins Leere, wenn es nicht gelingt, die Brücke zur Gesellschaft zu schlagen und die gewonnenen Einsichten in die Praxis umzusetzen. In unserer konkreten gesellschaftlichen Situation bedeutet das vor allem, den langfristigen Bedürfnissen und Notwendigkeiten der Politik die dringend erforderliche Beachtung zu schenken. Das weitgehend von Misstrauen geprägte Nebeneinander von Christen und Muslimen in Deutschland und Europa gilt es, im Interesse der Erhaltung des gesellschaftlichen Friedens, zu überwinden. Es muss ein Modus vivendi gefunden werden, der in gegenseitigem Respekt verankert ist und dadurch dem Einzelnen ebenso wie der Gesellschaft zugute kommt.
Die derzeitige Situation impliziert ein Konfliktpotenzial, dessen politische Konsequenzen kaum absehbar sind. Angesichts dieser Lage sieht die Eugen-Biser-Stiftung, bestärkt durch das Vertrauen zahlreicher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, eine ihrer vornehmsten Aufgaben darin, den Austausch mit Repräsentanten von Politik, Wirtschaft und Kultur kontinuierlich zu pflegen, um über den Augenblick hinausweisende Lösungsvorschläge auf gegenwärtige und in zunehmendem Maße zu erwartende Probleme der interreligiösen und interkulturellen Situation vorzulegen. Die Tatsache, dass die Stiftung bereits in ein intensives Gespräch mit Atheisten, Agnostikern und Nichtglaubenden eingetreten ist, trägt ebenso dazu bei, Orientierungskriterien für eine demokratisch-pluralistische Gesellschaft zu erarbeiten.
Die christlich-islamischen Dialogprojekte der Eugen-Biser-Stiftung – darunter insbesondere das Lexikon des Dialogs – werden aus Mitteln des Europäischen Integrationsfonds sowie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages durch das Bundesministerium des Innern kofinanziert.
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