Neuer Vorsitzender beim Stiftungsrat: Kontinuität und Aufbruch

Nach jahrzehntelangem, engagiertem Wirken verabschiedet sich Dr. Heiner Köster aus dem Vorsitz des Stiftungsrats der Eugen-Biser-Stiftung. Auf ihn folgt Prof. Dr. Martin Arneth, der künftig den Vorsitz übernehmen wird.

In den folgenden Interviews lassen wir die beiden zu Wort kommen. Dr. Heiner Köster, Gründungsmitglied der Eugen-Biser-Stiftung und engagiertes Stiftungsratsmitglied blickt auf die letzten Jahre, seine Erfahrungen und die Entwicklung der Stiftung zurück. Der neue Vorsitzende des Stiftungsrats Prof. Dr. Martin Arneth spricht über seine Motivation, seine Ziele und die Zukunft der Stiftung.

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24 Jahre in der Eugen-Biser-Stiftung

1. Wenn Sie auf Ihre Zeit als Stiftungsratsvorsitzender zurückblicken: Was war für Sie persönlich der prägendste Moment?

Dr. Heiner Köster: Als Mitgründer der Eugen-Biser-Stiftung sind meine Frau Marianne und ich seit dem Jahr 2002 an Bord. Zwanzig Jahre lang hat Marianne mit großer Empathie und höchstem
Engagement den Vorsitz des Vorstands ehrenamtlich geführt, während ich zunächst die Funktion als stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums, dann als geschäftsführender Stiftungsrat und schließlich als dessen Vorsitzender wahrgenommen habe. Wir waren ein gutes Team.

Prägenden Einfluss auf meine Tätigkeiten hatten die Begegnungen mit unserem Spiritus Rector Eugen Biser, Richard Heinzmann und Martin Thurner und der offene, anregende Meinungsaustausch mit Freunden und Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Medien, Kultur, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie deren nachhaltige Unterstützung mit Rat und Tat für die gemeinsame Sache, den Bestand und die Fortentwicklung der Eugen-Biser-Stiftung. Hinzu kommt die positive Kooperation mit privaten Förderern, Förderstiftungen und staatlichen Institutionen, deren finanzielle Förderungen für die Arbeit der Stiftung oft entscheidend waren. All das erfüllt mich mit tiefem Dank.

Sehr dankbar bin ich für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Mitgliedern des Kuratoriums, des Wissenschaftsrats, des Stiftungsrats sowie dem Vorstand, dem Mitarbeiterteam der Eugen-Biser-Stiftung und dem Freundeskreis der Eugen-Biser-Stiftung e. V., einschließlich der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Ohne sie hätte die Stiftung ihre Aufgaben nicht so erfolgreich erfüllen können. Die Atmosphäre und das Arbeitsklima habe ich stets als außerordentlich gut empfunden.

Von den festlichen Verleihungen des Eugen-Biser-Preises in der Allerheiligen-Hofkirche in München sind mir insbesondere die Preisverleihungen an den Bundestagspräsidenten Herrn Professor Norbert Lammert, an Frau Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und an S. K. H. Herzog Franz von Bayern, dem langjährigen Schirmherrn der Eugen-Biser-Stiftung, in Erinnerung geblieben.

2. Was hat Sie über all die Jahre motiviert, sich für die Eugen-Biser-Stiftung einzusetzen?

Dr. Heiner Köster: Seit Gründung der Stiftung ist es mir wichtig, das Werk Eugen Bisers zu bewahren und zu verbreiten und mich für den interreligiösen Dialog einzusetzen. Meine Begeisterung für die Theologie Eugen Bisers beginnt mit seinen inspirierenden sonntäglichen Abendpredigten in der Universitätskirche St. Ludwig in München, die ich als evangelischer Christ gemeinsam mit meiner katholischen Frau besuchte.

In seinem charismatischen Vortrag überwindet Biser immer wieder die religiösen Sprachbarrieren. Im Zentrum steht die Verkündung der „Frohbotschaft“ des bedingungslos liebenden Gottes. Er hebt das Christentum als mystische Religion im Sinne innerer Erfahrung hervor und betont ihre therapeutische Wirkung zur Überwindung von Angst. Die gegensätzliche Tradition, die das Christentum als eine auf den Opfertod gegründete asketische und angstmachende Religion darstellt, weist Biser weit von sich. Verstehen und Verantwortung stehen auch für mich im Vordergrund, nicht Gehorsam und Unterwerfung. Während Romano Guardinis bekanntestes Werk den Titel „Der Herr“ trägt, überschreibt Eugen Biser seine Christologie mit „Der Helfer“ – für alle Menschen. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“

Der Friedensgedanke ist in Bisers Werk immanent. Deshalb fordert er auch den Dialog mit den anderen Religionen und betont: „Wir leben in einer Stunde des Dialogs, und überleben nur, wenn die wechselnden Konfrontationen durch eine Kultur der Verständigung überwunden werden.“

3. Was macht die Eugen-Biser-Stiftung aus Ihrer Sicht so besonders?

Dr. Heiner Köster: Besonders macht die Eugen-Biser-Stiftung, dass eine „kleine“ Stiftung so Großes bewegen kann. Die Vielfalt und Intensität ihrer Tätigkeiten erschließen sich aus der Homepage der Stiftung (www.eugen-biser-stiftung.de).

Lassen Sie mich hierzu beispielhaft die Erarbeitung des Lexikons des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam herausgreifen:

Gemeinsam mit der Universität Ankara entwickelt die Stiftung das Lexikon mit dem Ziel solider und sachlicher Information über die beiden Religionen und leistet damit zugleich einen Beitrag für das friedliche Zusammenleben der Menschen. Nach achtjähriger Zusammenarbeit der fünf Herausgeber in vierzig Redaktionssitzungen und unter Mitarbeit von 77 Wissenschaftlern aus Deutschland und der Türkei erscheinen 2013 die jeweils zweibändigen Ausgaben sowohl in deutscher als auch in türkischer Sprache mit insgesamt 667 Begriffen. Die Erläuterung der ausgewählten islamischen Begriffe haben muslimische, die Erläuterung der christlichen Begriffe, christliche Autoren verfasst. Ein solcher persönlicher interreligiöser Austausch war Jahrhunderte nicht möglich. Umso mehr freue ich mich und bin dankbar, dass uns das gelungen ist.

In einer großen publikumswirksamen Veranstaltung wird das Werk am 28. November 2013 im Allianz Forum in Berlin vorgestellt unter Mitwirkung des Präsidenten der Universität Ankara, des türkischen Botschafters, des Präsidenten des Deutschen Bundestags, des Vorsitzenden des Stiftungsrats der Eugen-Biser-Stiftung und weiteren hochrangigen Rednerinnen und Rednern aus Wissenschaft, Kultur und Politik.

Neben der gemeinsamen Arbeit am Lexikon des Dialogs tauschen sich die christlichen und muslimischen Wissenschaftler in fünf mehrtägigen interkulturellen und interreligiösen Symposien aus und veröffentlichen den Diskurs jeweils in einem zweisprachigen, deutsch-türkischen Tagungsband, erschienen im Kohlhammer Verlag Stuttgart, zu folgenden Themen:

Im Jahr 2016 erscheint eine gekürzte deutschsprachige Taschenbuchausgabe des Lexikons im Verlag Herder. Die Ausgabe bildet die Grundlage für die im Jahr 2018 veröffentlichte arabische Fassung und für das englische Christianity and Islam, herausgegeben im Brill Verlag.(https://brill.com/downloadpdf/edcollbook-oa/title/70770.pdf).

Eine große Freude ist für mich, dass dieses Werk von der Eugen-Biser-Stiftung mit einen christlich-jüdischen Ergänzungsband Dictionary of Encounter – Basic Terms in Christianity and Judaism in englischer Sprache fortgeführt wird.

4. Welche Bedeutung hat die Arbeit der Eugen-Biser-Stiftung aus Ihrer Sicht heute – gerade in einer zunehmend vielfältigen und pluralen Gesellschaft?

Dr. Heiner Köster: In einer zunehmend vielfältigen und pluralen Gesellschaft ist es für den Menschen wichtig, seine eigene Identität zu finden. Dabei können ihm die theologischen und philosophischen Aussagen Eugen Bisers Hilfestellung bieten. Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass die Stiftung sein Werk in verständlicher Weise zugänglich macht. Bisers Monografien, Aufsätze und Zeitschriftenartikel sollen im Internet kostenlos abrufbar sein. Ein Großteil kann schon heute über den Open-Access-Zugang der Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) heruntergeladen werden.   
https://epub.ub.uni-muenchen.de/cgi/search/simple?q=Eugen+Biser

Darüber hinaus gilt es, den interkulturellen und interreligiösen Dialog fortzuführen. In ihren Programmbereichen Bildung und Beratung gibt die Stiftung seit über zehn Jahren unter anderem Kommunen, Verbänden, Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern Impulse und Anleitungen für einen offenen Dialog auf Augenhöhe.

5. Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger für seine neue Aufgabe?

Dr. Heiner Köster: Herrn Professor Martin Arneth danke ich von Herzen, dass er meine Nachfolge als ehrenamtlicher Vorsitzender des Stiftungsrats übernimmt. Ich wünsche ihm viel Erfolg in seinem neuen Amt und gute Zusammenarbeit mit den hochengagierten und motivierten Mitgliedern des Kuratoriums, des Stiftungs- und Wissenschaftsrats, des Vorstands sowie des gesamten Mitarbeiterteams. Gottes reicher Segen möge Professor Arneth begleiten und ihm viel Freude, Kraft und Erfüllung schenken.

Ich freue mich, der Eugen-Biser-Stiftung in Zukunft als Ehrenpräsident verbunden bleiben zu dürfen.

Kontinuität und neue Impulse

1. Was hat Sie dazu bewogen, den Vorsitz des Stiftungsrats zu übernehmen?

Prof. Dr. Martin Arneth: Zunächst ganz formal: die ehrenvolle Anfrage durch Herrn Dr. Köster und die geschlossene Zustimmung der anderen Mitglieder des Stiftungsrats. Es tut gut und ermutigt, wenn erfahrene und profilierte Menschen einem die Übernahme einer solchen Funktion zutrauen. Sodann aber auch die konstruktive Arbeit innerhalb des Stiftungsrats, die ich bereits als Gast erlebt habe. Zudem sind die Aufgaben in der EBS sinnvoll auf mehrere Gremien (Vorstand, Wissenschaftsrat, Stiftungsrat, Freundeskreis, Kuratorium, Mitarbeitende) verteilt, die gleichwohl eng zusammenarbeiten. Das entlastet, schafft Freiraum und Zutrauen, auch Leitungsfunktionen beherzt zu übernehmen.

2. Was bedeutet Ihnen die Eugen-Biser-Stiftung persönlich?

Prof. Dr. Martin Arneth: Ich habe die Stiftungsarbeit bisher vor allem aus der Perspektive des Wissenschaftsrats kennengelernt, zudem mehrfach die universitätsöffentlichen Eugen-Biser-Lectures an der LMU für die Stiftung und das Seniorenstudium organisiert und begleitet sowie den Freundeskreis vor allem bei seinen liturgischen Aktivitäten an der Orgel unterstützt. Das hat mich persönlich immer bereichert, nicht nur durch die Arbeit an unterschiedlichen Sachthemen, in denen ich als gelernter Alttestamentler nicht immer zuhause bin, sondern auch, weil oftmals zu spüren ist, daß unsere Aktivitäten auf Resonanz stoßen – sowohl durch Zustimmung, kritische Nachfrage und, für mich besonders wertvoll, durch anhaltende Nachdenklichkeit. 

Nicht zuletzt dem persönlichen Charisma von Eugen Biser ist es geschuldet, daß in der EBS zudem viele profilierte Persönlichkeiten zusammenfinden. Von deren Erfahrungsschatz profitiere ich sehr.

3. Was macht die Eugen-Biser-Stiftung aus Ihrer Sicht so besonders? 

Prof. Dr. Martin Arneth: Zur Genetik der EBS gehört Eugen Bisers Konzept „Dialog aus christlichem Ursprung“. Wer dahinter die schiere Sehnsucht nach dem Vergangenen vermutet, liegt meinem bescheidenen Urteil nach komplett falsch. Und gleichmaßen irrt, wer den Verdacht hegt, dahinter verberge sich eine tendenziell fundamentalistische Einstellung, weil mit „Ursprung“ alle Fragen nach dem Grund und Sinn des Lebens gewissermaßen beantwortet sein sollen. 

Bisers „Dialog aus christlichem Ursprung“ hebt auf etwas anderes ab, und das macht für mich die Arbeit der EBS bedeutsam. Zum einen wird deutlich: unser Selbst- und Weltumgang ist positionell. Das muß man sich eingestehen, sonst machen Dialoge keinen Sinn. Zum anderen ermöglicht der Blick auf den christlichen Ursprung, der uns im Neuen Testament durchaus polyphon und auch als Frucht einer reichen Religionsgeschichte gegenübertritt, die Distanznahme zu unserer Gegenwart, denn wir müssen uns zum christlichen Ursprungsgeschehen verhalten – in Aneignung und Fremdsetzung. Und wir sind gehalten, das Bächlein des breiten christlichen Lebensstroms, in dem wir uns tummeln, als Entwicklung aus dem Ursprung zu verstehen. Das ist eine gewaltige Aufgabe, die bescheiden macht, aber auch Freiräume eröffnet – Freiräume für das Verständnis anderer Konfessionen und auch für andere Zweige, die ebenfalls auf dem von Abraham gepflanzten Baum wachsen. Es gehört von Anfang an zur Arbeit der Eugen-Biser-Stiftung hinzu, insbesondere den Dialog mit Islam und Judentum zu pflegen und zu fördern. Dies findet seinen Ausdruck vor allem in dem in mehrere Sprachen übersetzten „Lexikon des Dialogs“ zwischen Christenheit und Islam, das demnächst noch durch einen Band zum Dialog mit dem Judentum ergänzt werden soll. Zudem engagieren sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Projekten zur interreligiösen Demokratiebildung an Schulen und in der Isalmberatung, z.B. für Kommunen.

4. Was möchten Sie bewahren – und wo möchten Sie neue Akzente setzen?

Prof. Dr. Martin Arneth: Den Vorsitz des Stiftungsrats übernehme ich beileibe nicht, weil ein Krisenmanager benötigt würde. Die EBS ist insgesamt vorzüglich aufgestellt und die Mitarbeitenden verstehen es, mit den vorhandenen Kapazitäten klug und zielführend umzugehen. Insofern braucht die Stiftung auch keinen Vorsitzenden, der zu einsamen Entscheidungen und Alleingängen neigt, sondern der wie bisher die teamorientierte und mulitperspektivische Arbeitsweise schätzt und stützt.

Blicke ich in die religiöse Landschaft der Bundesrepublik, könnte ich mir aber glatt vorstellen, daß auch die in unserer Gesellschaft immer noch vorhandenen christlichen Symbolbestände eine Frischzellenkur vertragen könnten. Da machen sich natürlich auch die noch vergleichsweise großen christlichen Kirchen so ihre Gedanken, es schadet aber nicht, wenn hier auch die Stimme der EBS wahrnehmbar ist und bleibt. Wer weiß, vielleicht steuern wir sogar auf eine Zeit zu, in der klare religiöse Vorstellungen und Begriffe wieder Konjunktur haben. Ich stelle mir vor, daß in diesem Zusammenhang die „Kunst“ nach wie vor ein fruchtbarer Ansatzpunkt sein könnte. Das hat Eugen Biser ähnlich gesehen.

Und dann haben wir natürlich noch ein anderes Thema, das auch andere Organisationen umtreibt: die EBS muß sich verjüngen … denn der neue Stiftungsratsvorsitztende geht auch schon auf die 60 Lenze zu. Das betrifft weniger unseren qualifizierten Mitarbeitendenstab, aber den Kreis der der EBS Verbundenen, für deren langjährige Unterstützung ich zutiefst dankbar bin. Dennoch sind wir darauf angewiesen, daß es auch in der nachwachsenden Generation Menschen gibt, die bereit sind, durch die Mitwirkung in der EBS gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und die Stiftung mit ihren Ideen zu prägen.

5. Was wünschen Sie sich von der Zusammenarbeit mit dem Stiftungsrat, den Mitarbeitenden und den Partnern der Stiftung?

Prof. Dr. Martin Arneth: Den rechtzeitigen, aber bitte freundlichen Hinweis auf meine eigenen Scheuklappen.